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DIE RÜCKKEHR DER MÄNNERLATZHOSE

November 10, 2017

Die Frage, ob man zu alt für etwas sein könnte, ist eigentlich eine Frechheit. Dennoch gibt es Phänomene, die genau diese Frage provozieren - der Trend um die Latzhose für Männer etwa. Der Mensch kann vielleicht zu jung für etwas sein (rauchen, wählen, trinken), weil es Dinge im Leben gibt, für die eine gewisse Reife hilfreich ist, aber zu alt?

Eigentlich bin ich gegen Sätze wie „Männer über 40 dürfen dies oder jenes nicht mehr tragen“, dennoch gibt es Bewegungen, bei denen sich ein Mann, Mitte 40, absurd vorkommt. Die Latzhose ist so ein Trend, sie erlebt gerade ein Riesencomeback, und obwohl sie an bestimmten Personengruppen nie out war, ist sie momentan bei allen der letzte Schrei. Man sieht sie in jeder Form, Farbe und Länge, von günstig (H&M für 19,90 Euro) bis teuer (Gucci für 950 Euro).

 

Das Wort Schrei ist in diesem Zusammenhang ein gutes Stichwort, denn wie jeder Modehype wirft auch die Trägerjeans Fragen auf:

 

1. Will ich da echt noch mal mitmachen?

 

2. Wie tue ich das, ohne auszusehen, als sei ich auf dem Weg zu einer Friedensdemo?

 

Für den Frieden auf die Straße zu gehen sollte immer en vogue sein. Jugendlichkeit kann man aber leider weder kaufen noch überziehen, aber an guten Tagen kann man sie als innere Leichtigkeit spüren.

 

Ach ja, eine Latzhose hat nicht primär etwas mit der Silhouette zu tun hat. Das Problem ist die Haltung! Man muss sie mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit tragen, als sei es eine Arbeitshose, sich jedoch darin bewegen, als sei man ein Tänzer. Und auch wenn es paradox klingt: Diese Büx schreit nach Grazie. Nach Feinem statt Hartem, eher Hemd statt Lederjacke.

 

Wir haben den passionierten Latzhosenträger Thom getroffen. Er hat uns die Latzhose ein Stück näher gebracht und uns seine Tipps und Tricks verraten.

 

THOM: Vor zwei Jahren habe ich mich entschlossen anzufangen forthin im Alltag eine echte klassische Jeans-Latzhose zu tragen. Ja, als Mann! Sie ist seitdem im Nu mein neues Standard-Outfit geworden, ich trage sie inzwischen auch selbstverständlich an meinem Arbeitsplatz.

 

Es hat mein Image grundsätzlich geändert, denn ich hatte bisher noch nie eine Latzhose getragen. Ich hegte zwar schon viel länger den Wunsch, ich fand sie bereits immer sehr cool und sexy, aber ich traute mir dies aus Furcht vor den Kommentaren einfach nicht zu, weil eine Latzhose lange Zeit für Männer ungefähr als das am meisten verpönte Kleidungsstück galt. Jetzt ist sie aber wieder trendy! Allerdings dominieren noch immer die Frauen. Deshalb war es schon ein großer Schritt, einer der ersten neuen männlichen Latzhosenträger zu werden.

 

Bis ich dann im Laden zum ersten Mal eine richtige Männerlatzhose anprobierte! Die saß wirklich wie gegossen, schloß sich überall eng meinem Körper an. Seitdem bin ich ein begeisterter Latzhosenträger. Ich hatte vorher nicht geahnt, dass Latzhosen so unglaublich bequem und praktisch sind! Mittlerweile habe ich sieben Stück im Schrank und trage kaum noch etwas anderes.

 

Ich bin an meiner Uni wohl der einzige männliche Dozent der Latzhose trägt. Einen männlichen Studenten der ebenfalls (mal) in einer Latzhose steckte, habe ich bisher nur einmal gesehen, weibliche 'Artgenossen' dagegen etliche. Frauen können sich da eben mehr erlauben ohne aufzufallen. Meine Latzhose ist somit - unbeabsichtigt, aber nicht ganz unvorhergesehen - mehr oder weniger zu meiner persönlichen Merkmal geworden. Wenn in einer größeren Gesellschaft ein Kollege einen Unbekannten auf mich hinweist, heisst es wohl schnell: 'Der Typ dort in der Latzhose'. Solches wird vorläufig auch jeden anderen Mann erwarten, der in meine Spuren tritt. Dass die Männerlatzhose jedoch wieder im Kommen ist, lässt sich aber nicht leugnen. In diesem Sommer bin ich bei einem zweistündigen Bummel in der Einkaufstraße meiner Stadt an einem sonnigen Tag eigentlich immer schon mal einem anderen männlichen Latzhosenträger begegnet. Vor einigen Jahren waren die dagegen noch recht eine Seltenheit.

 

Die Bilder zeigen mich in meinem favoriten Exemplar, eine Vintage-Latzhose von Pepe-Jeans, ein authentisches Modell im typischen achtziger-Jahren-Stil. Deren wichtigsten zeitbedingten Merkmale: ein seitlich enger Schnitt, gerade Hosenbeine und (überflüssige) Gürtelschlaufen; ferner ein nicht allzu höher, fast quadratischer Latz der in Höhe und Breite etwa Dreifünftel des Brustkorbes bedeckt und somit auch Dein Hemd gut sehen lässt; daher relativ lange Träger, für die das obere Zweifünftel reserviert ist und die so im Gesamtbild wesentlich mitspielen; und schließlich beiderseits eine, damals bei europäischen Männerlatzhosen öfter vorkommende, auffallende Reihe von nicht weniger als vier dicht aneinander plazierten glänzenden Seitenknöpfen, die eine schöne Ecken-Akzentuierung der Hüfte ergeben. So eine Vielzahl gibt es jetzt nur noch bei Frauenlatzhosen, während für Männer nach amerikanischem Muster jeweils zwei Stück üblich geworden sind.

 

Die richtige Latzhose finden

Eine gut sitzende UND gut aussehende Männerlatzhose finden ist oft eine mühsame Sache. Es gibt inzwischen zwar viele Modelle, aber sie sind von der Passform her sehr unterschiedlich, und werden daher auch nicht jedem gefallen. Überdies ist auf die Größenangaben der Hersteller überhaupt kein Verlass, weshalb man eine bestimmte Latzhose erst immer im Laden ausprobieren, und nicht blindlings übers Internet bestellen soll. Bei einem Exemplar brauchte ich Größe S, beim anderen sogar Größe L! Das eine Modell wird Dir wie angegossen sitzen, das nächste Dich dagegen zur Vogelscheuche machen. Im Internet lassen sich genügend abschreckende Beispiele von Letzterem finden.

 

Ein paar Tipps, worauf man achten soll:

   1. Dass es sich tatsächlich um eine richtige Männerlatzhose handelt. Bei Modellen für beide Geschlechter fehlt gelegentlich der Schlitz; ferner sind die Proportionen dann oft halbwegs Mann und Frau, mit dem Ergebnis, dass eine Unisexlatzhose bei einem Mann zeltartig klobig aussieht, weil sie entweder zu kurz oder zu breit ist, und sich nicht wie gewünscht eng um die Hüften spannt.

 

   2. Anzahl und Plazierung der Seitenknöpfe. Sie dienen dazu, den Einstieg zu erleichtern. Eine größere Anzahl (drei oder gar vier) erfordert natürlich mehr Zeit beim Anziehen, kann aber positiv darauf deuten, dass die Latzhose schön eng anliegt und seitlich höher schliesst. Der oberste Knopf befindet sich immer im Bundbereich, wo er bei einer normalen Jeans mittig angebracht sein würde; (alle) andere jeweils darunter, seitlich vom Eingriff zu den vorderen Hosentaschen. Speziell amerikanische Latzhosen, die nur zwei Knöpfe haben, sind oft zu geräumig geschnitten. Nicht umsonst werden sie dort 'Bib Overalls' genannt: man trug sie ursprünglich über einer normalen Hose.

 

   3. Die Länge der Hosenbeine. Gelegentlich sind sie zu kurz greaten. Das bedeutet meist, dass man jenes Modell sehr baggy tragen soll. Das muss man aber wollen. Ich persönlich mag das nicht.

 

   4. Höhe und Breite des meist leicht trapezförmigen Vorderlatzes. Moderne Modelle haben oft einen sehr hohen aufzuweisen. Nicht jeder findet das angenehm, denn beim Sitzen reicht er dann fast bis zur Kehle. Auch sind die fürs Gesamtbild meines Erachtens essentielen Träger dann unterm Hemdkragen kaum noch sichtbar. Und ein zu breiter Latz, der Dein Hemd fast völlig verbirgt, macht die Latzhose fast zum ärmellosen Jumpsuit. Bei einem zu kleinen Latz jedoch hat es den Anschein, als ob Du Dich in einem Exemplar für Kinder gezwängt hast.

 

   5. Die Latztasche. Zu den praktischen Vorteilen einer Latzhose gehört die große Känguruhtasche auf der Brust, für Handy, Sonnebrille und anderen Utensilien. Sie soll damit auch tatsächlich vorhanden und nicht zu klein geraten sein. Wenn sie abschliessbar ist, ist das gewiss ein Vorteil. Dann fällt, wenn beim Klobesuch nach Losmachen der Träger der Latz umgekippt wird, nicht gleich alles raus.

 

   6. Die Träger. Sind sie auf unkomplizierte Weise verstellbar, und ausreichend lang? Das soll man gleich im Laden ausprobieren. Üblich für deren Befestigung ist noch immer das klassische Haken-und Ösensystem. Es hat sich bewährt und bestimmt somit wohl weitgehend das Bild das sich jeder von einer Jeans-Latzhose malt. Es gibt mittlerweile zwar Alternativen die mir persönlich aber optisch meist weniger gefallen.

 

   7. Der spitz-dreieckige Rückenlatz. Dieser soll der Höhe nach nicht beim Vorderlatz zurückbleiben, vielleicht bei einem Vorderlatz normaler Größe gar bis zum Ansatz der Träger etwas höher reichen. Oft sind sie dagegen zu niedrig und schmal; dann fehlt nicht nur der Griff hinten, sondern rutschen auch die Träger schnell von den Schultern.

 

Deine Latzhose stylen

Ich trage meine Latzhose im Haus grundsätzlich immer unbedeckt, also mit Vorderlatz, Rückenlatz und sogar sämtlichen Seitenknöpfen ganz sichtbar - auch falls (wie bei der Pepe) Gürtelschlaufen vorhanden sind, werde ich die nie verwenden. Mit einem einengenden Gürtel geht ja eben das lockere Gefühl und der lässige Stil des Latzhosentragens verloren. Eine geschlossene (Jeans-)Jacke darüber, geschweige denn ein Pullover, ist aber erst richtig tabu. Dann könnte ich ebensogut eine normale Jeans tragen.

 

Weil eine Latzhose dreiviertel Deines Körpers bedeckt, soll die Wahl aller anderen Kleidungsstücke dem untergeordnet sein. An der Uni kann ich es mir zwar ohne Probleme leisten eine Jeans-Latzhose anzuziehen, ich will aber zugleich nicht allzu extravagant aussehen oder gar mit einem schäbigen Kleidungstil vor meinen Studenten treten. Das wegen seiner Seltenheit eben Nichtselbstverständliche - ein Mann in Latzhose - soll sich dann zumindest so wenig unselbstverständlich wie möglich geben. Eine Männerlatzhose ist ja an sich schon sehr informell UND fällt zugleich sosehr auf, dass ich sie in dieser Situation nicht noch extra betonen möchte.

 

Für jeden, der nicht als ein in die Jahre gekommene Hippie aussehen will, ist daher ferner eher Zurückhaltung angesagt. Das allgemeine Erscheinungsbild soll daher gepflegt sein. Das bezieht sich sowohl auf die Art des Latzhosentragens selber, als auf die Kleidungsstücke, mit denen man seine Latzhose kombiniert, sowie zum Beispiel auf die Frisur.

 

Das heisst: keine kunterbunte oder gar kaputte Kluft dazu, anstatt eines kurzärmigen T-shirts bei normalen Temperaturen eher ein stilvolles, in den Farbtönen aber leicht kontrastierendes - hell bei einer dunkelblauen Latzhose, dunkel bei einer hellblauen - Oberhemd in gedämpften Farben darunter. Bereits ein kariertes Hemd kann eine Latzhose zu viel übertönen. Und der Latz nie dank hinten freibäumelnden Trägern lässig nach unten umgekippt, sondern immer ordentlich stramm von diesen hochgehalten, während alle Seitenknöpfe anständig geschlossen sind. Man sieht beides gelegentlich auch mal anders, aber das kann man sich nur vielleicht noch als Teenager leisten ohne sich lächerlich zu machen.

 

Die Brusttasche ist sehr praktisch, soll aber nicht dank Überfüllung zum hervorquellenden Schaukasten werden, der durch seinen Gewicht den Latz in der Mitte nach unten zieht. Der Latz hat sich immer flach über deinem Oberkörper auszudehnen und keinen Buckel zu bilden. In Zusammenhang damit soll man die Träger ziemlich fest anschnallen, sonst kurvt der Latz zu schnell nach vorme.

 

Ebenfalls ist darauf zu achten, dass Dein Hemd stramm in Deiner Latzhose steckt und nicht auf dem tiefsten Punkt zwischen Brustlatz und Rückenlatz links oder rechts knödelartig über den obersten Seitenknopf auswärts überquillt. Das geschieht beim Bücken und Bewegen oft allmählich automatisch und muss im Laufe des Tages wohl mehrfach leicht korrigiert werden. Ja, als Mann anständig Latzhose tragen erfordert Dauerarbeit!   

 

Ein Latzhosenträger werden

In meiner Kleiderwahl habe ich nie den Durchschnitt gesucht, sondern immer eine gewisse Eigensinnigkeit betonen wollen. Mit dem selbstbewusst öffentlichen Tragen einer Latzhose hebt man sich als Mann automatisch von der Masse ab. Für mich steht somit gerade die betont etwas abnorme Jeans-Latzhose wie in den siebziger Jahren - als sie gar wegen ihres unmachomäßigen Unisexcharakters emanzipatorische Inhalte verkörpern sollte und deshalb für alternative Männer zum fast obligatorischen Fanal ihrer Zugehörigkeit zur Szene wurde - für eine gewisse Ungezwungenheit und Unerschütterlichkeit in Anbetracht erstarrter gesellschaftlicher Konventionen.

 

Obwohl sie jetzt allmählich wieder in die Mode kommen, ist es ja noch immer eine besondere Erfahrung, als Mann öffentlich Latzhose zu tragen. Ein bisschen Mut ist dazu schon vonnöten. Anders als eine normale Denimhose, oder - im zugehörigen Kontext - die (synthetische) Latzhose als Berufskleidung für Handwerker (der 'Blaumann'), wird eine Jeanslatzhose bei Männern noch nicht als ganz normale Alltagskleidung angesehen. Das Tragen einer Männerlatzhose scheint gesellschaftlich irgendwie erklärungsbedürftig zu sein, weil man damit noch öfter abschlägige Kommentare erntet. Bedenke daher eins: für die Aussenwelt bist Du äusserlich weitgehend Deine Latzhose. Dein Image wird also davon bestimmt, ob Deine Latzhose gut aussieht.

 

Anfangs war ich daher natürlich schon ein bisschen genervt, als ich zum ersten Mal irgendwo in meinem Latzjeans erschien. Man braucht somit einige Zeit um sich ans eigene Latzhosentragen zu gewöhnen, und zwar in dreierlei Hinsicht. Erstens bereits beim Anziehen, das mit all dem Zuknöpfen und Zuschnallen einige Gewandtheit erfordert, wobei die ganze Prozedur einen potentiellen Latzhosenanfänger schon abschrecken könnte.

 

Zweitens beim Tragen selber. Weil bei Latzhosen ein Gürtel fehlt und die Träger ausreichen um sie hochzuhalten, hat man in den ersten Wochen ständig das Gefühl, dass die Hose bald herabhängen könnte. Erst nach einiger Zeit fängt man an, gerade dies als das besonders Komfortabele einer Latzhose zu bewerten: dass die Einschnürung bei - und damit der Druck auf - der Taille fehlt. Man ist sich ständig bewusst, dass man eine Latzhose trägt, weil man bei jeder Bewegung (und vor allem bei jeder Hebung der Ärme) dann dank der sich sofort auf den Schultern leicht spannenden Träger auch unmittelbar Brustlatz und Rückenlatz spürt.

 

Drittens muss man sich - und das ist psychisch wichtig, in dieser Hinsicht vielleicht gar die größte Herausforderung - an der Tatsache gewöhnen, dass wirklich jederman sofort, und zwar sowohl von vorne als von hinten bereits von großem Abstand, sieht, dass Du ALS MANN eine Latzhose trägst. Eine Latzhose macht Dich automatisch zum Blickfang Numero Eins. Du wirst während den ersten Wochen Deines Latzhosenträgerdaseins immer von neuem die kritischen bzw. neugierigen Blicke Deiner Mitmenschen in Deinem Rücken fühlen! Da muss man aber einfach hindurch.

 

Vielen Dank Thom für Dein wunderbares Input!

 

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Thom.

 

 

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