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PRIVATE WEDNESDAY mit Matthias Kammermeier

February 8, 2017

Matthias Kammermeier betrachtet als Szenenbildner seine Umgebung mit wachen Augen. Die Impressionen fängt er mühelos ein und speichert sie für später ab. Er kennt sich aus in Kunst, Kultur und Design und ihren jeweiligen „Geschichten“ und schöpft aus diesem Fundus, wenn er entscheidet, welches Requisit, welches Gebäude in welchem Zustand für einen bestimmten Zweck genau das richtige ist. Seine Aufgabe ist es sowohl, reale Drehorte auszuwählen und sie an den Film anzupassen, als auch den Bau vollständiger Sets im Freien oder im Studio zu planen und zu überwachen. Das Allround-Talent hat sogar in Museen, wie zum Beispiel der Staatsgalerie Stuttgart oder dem Ägyptischen Museum München, mit seinen Ausstellungs- und Lichtkonzepten überzeugt.

 

MAENNERSTYLE: Matthias, wie kamst Du zu Deinem Beruf? Wann hast Du das erste Mal gedacht: Ich möchte ein Szenenbildner werden? Oder würdest Du Dich lieber Filmarchitekt nennen?

 

Matthias Kammermeier: Ich hatte zunächst gar nicht gewusst, was Szenenbild ist, bis ich auf der Hochschule für Fernsehen und Film in München als damals 22jähriger aufgenommen wurde um Regie zu studieren. Als einer der wenigen Münchener Studenten hatte ich damals die Stadt besser gekannt als andere und verfügte auch mit Familie, Freunden und dem erweiterten Bekanntenkreis über ein kleines Netzwerk – und über ein Auto... So kam es, dass ich ständig für die Filme der anderen Studenten angesprochen wurde, ob ich Drehorte wüsste, Requisiten beschaffen und dann auch noch die Sets einrichten könne. So machte ich schon während meines Studiums einen Film nach dem anderen als ‚Szenenbildner’ – neben meinen eigenen Studentenfilmen! Die Filme die mir von meinen Mitstudenten ­– zu der Zeit etwa 40 Regisseure in 3 bis 4 Jahrgängen – angeboten wurden, gestalteten sich immer anspruchsvoller und lagen zunehmend im professionellen Bereich. Als ich dann 1982/83 zusammen mit Roland Emmerich dessen Abschlussfilm ‚Das Arche Noah Prinzip’ mit dem Anspruch etwas in Deutschland noch nicht Gesehenes zu schaffen, entwickelt und als Szenenbildner umgesetzt hatte – der Film spielt fast ausschließlich auf einer Raumstation im Weltall und fand enorme Beachtung – bekam ich ein professionelles Angebot nach dem anderen...

 

MS: Wie werden eigentlich Drehorte ausgesucht?

 

MK: Komplexes Thema. Ich weiß nicht ob der Rahmen hierfür ausreichend ist... Ich will es mal grob umreißen: Die Grundlage für einen Film ist eine Geschichte. Diese wird in ein Drehbuch umgesetzt. Darin wird die Ausgangsposition für alles andere geschaffen. Die im Drehbuch angelegten Drehorte erzählen über das Inhaltliche hinaus viel über die Welt und den Hintergrund der Charaktere der Geschichte. Dementsprechend gibt der Szenenbildner die Vorgaben für die zu suchende Location und gleicht sein Konzept mit Regie, Kamera, Produktions- und Aufnahmeleitung ab – in manchen Fällen auch mit Redaktion und Produzent. Gemeinsam entscheidet man sich für eine der vorgestellten Drehorte. Allerdings folge ich dabei immer meiner persönlichen Phantasie, sodass die Filme am Ende zwangsläufig meiner ursprünglichen Vorstellung beim Lesen sehr nahe kommen!

 

MS: Wer sagt, was realisiert wird, möglich ist? Der Regisseur oder der Produzent?

 

MK: Das ist natürlich zunächst eine Frage des Budgets. Demgemäß bestimmt der Produzent die Rahmenbedingungen.

Innerhalb dieses Rahmens werden die Entscheidung in der Regel – wie oben beschrieben – gemeinsam getroffen, da dies Auswirkungen auf viele Departments hat. Letztlich muss die Entscheidung beim Regisseur liegen, da er für den fertigen Film die dramaturgische Verantwortung trägt.

 

MS: Welche Szenen sind denn am schwierigsten zu realisieren?

 

MK: Fast jede Szene hat ihre spezifischen Tücken, die einem oft alles abverlangen!

Auf den ersten Blick sind das natürlich die aufwändigen, oft historischen Szenen – wie zB. bei KÄTHE KRUSE: Berlin, Postdammer Platz 1909 vor dem späteren Kaufhaus des Westens. Oder komplexe Szenen mit Einbindung von Stunts, Special Effects, Visual Effects, Kostüm- und Maskenbild, Statisten, Helikoptern etc., wie zB. bei VULKAN: Vulkanausbruch in der Eifel mit Erdbeben, Ascheregen und Lava.

Aber – und das ist oftmals noch schwieriger – vor allem auch vermeintlich einfache wie die Wohnungen der Protagonisten! Hier wird durch Art der Wohnung oder des Hauses, deren Einrichtung und dem Zustand der Räume der Lebens­hinter­grund und momentane Seelenzustand der Darsteller erzählt. Das löst beim Zuschauer in Sekundenbruchteilen Assoziationsketten aus, die sich automatisch in den Szenen etablieren. Eine sehr differenzierte, sensible  Aufgabe, die sehr eng mit der Regie und dem dramaturgischen Konzept abgestimmt sein muss!

 

MS: Wie hast Du Deinen Beruf erlernt?

 

MK: Damals war man mehr oder weniger Autodidakt, oder hat sich über Assistenzen oder als Querein­steiger von Theater-Bühnenbild, Architektur, Requisiteur, Fahrer oder Set-Baumann über seine Leistung empfohlen. Mittlerweile werden an einigen Schulen und Hochschulen Ausbildungs- und Studiengänge angeboten. Ganz neu: die Internationale Filmschule Köln, ifs, die ab diesem Jahr einen offiziellen Studiengang zum Bachelor und evtl. Master anbietet.

 

MS: Wie schätzt Du den Stellenwert des deutschen Films international ein?

 

MK: Die Qualität deutscher Filme steht sicher nicht in Frage! Die große Zahl von Filmschaffenden in Hollywood zeigt das deutlich. Der große Nachteil für deutsche – insbesondere deutschsprachige – Produktionen ist der begrenzte Markt im Vergleich zum englischsprachigen. Eine amerikanische Serie hat in etwa den 10-fachen Vermarktungsbereich, dementsprechend können sie auch mit dem 10-fachen Budget planen und trotzdem auf Grund der vielen Abnehmer günstiger anbieten. Deutsche Sender kaufen z.B. hochwertige US-Serien oft sehr viel günstiger ein, als eine gute Serie selbst zu produzieren!

 

MS: Was würdest Du gerne verbessern wollen?

 

MK: Das deutsche Filmförderungssystem und die Finanzierungsmöglichkeiten für Produzenten.

Die meisten Förderungen sind ländergebunden und werden in einem Auswahlver­fahren durch Gremienentscheid vergeben. Ein Produzent kann damit kaum oder nur sehr bedingt planen. Die verschiedenen Ländermittel sollten in eine rein wirtschafts­orientierte Förderung fließen, die bestimmte Kriterien vorgibt, jedoch als kalkulierbare Konstante für die Finanzplanung besteht. Vorstellbar wäre eine Art prozentuale Rückvergütung – auch für internationale Produktionen – für Ausgaben, die in Deutschland versteuert werden. Dazu braucht man aber freie Kapitalmittel, um überhaupt erst etwas ausgeben zu können! Ein ernstes Problem in der deutschen Medienlandschaft!

In den 90er Jahren existierten z.B. noch Filmfonds, die aber in der Praxis dazu geführt haben, dass deutsche Investitionsmittel (mit extrem hohen Abschreibungs­mög­lich­keiten!) zum größten Teil nach Hollywood abflossen, um deren Blockbuster zu finanzieren! Anstatt die Abschreibungsbedingungen  entsprechend zu regulieren, wurden die Fonds einfach abgeschafft...! Hier gilt es der deutschen Filmindustrie wieder freie Finanzmittel zuzuführen, damit Arbeitsplätze erhalten bleiben und sogar neue entstehen. Das betrifft nicht nur die Menschen hinter der Kamera, sondern auch Schauspieler und die vielen Dienst leistenden Betriebe.

 

MS: Welche Tipps hast Du für interessierte Menschen, die solch einen Beruf erlernen möchten?

 

MK: Die Filmbranche ist kein ‚nine to five’ Arbeitsfeld! Mit der Bereitschaft und Spaß daran, Unmögliches möglich zu machen, wäre schon mal eine Grundvoraussetzung erfüllt. Ansonsten ist jeder Filmberuf untrennbar mit Teamfähigkeit und Kompromiss­bereit­schaft verknüpft – man muss schon ein hohes Maß an Geduld und Leidens­fähigkeit mitbringen! Und: im Gegensatz zum ‚reinen Künstler’ ist der Szenenbildner eingebunden in ein sehr enges Korsett und zu mindestens 75% seiner Zeit mit Kalkulation, Kostenkontrolle und vor allem Logistik beschäftigt – auch das muss man mögen...

 

MS: Was sind Deine Tabus beim Film? Was würdest Du in keinem Fall machen?

 

MK: Ein ungeschriebenes Tabu ist, sich mit anderen Teammitgliedern während des Drehs in eine Liebesbeziehung einzulassen... Kann man leider nicht immer vermeiden – ich habe so meine Frau vor 30 Jahren kennengelernt...!

 

MS: Und was liefert Dir in Deiner Freizeit Antrieb? Du bist ja richtig sportlich unterwegs!

 

MK: Ich habe das große Glück eine tolle Ehe zu führen, was in der Filmbranche nicht unbedingt typisch ist! Zu unseren 3 Kindern haben wir ein sehr inniges Verhältnis! Das ist für mich die Basis meines Lebens.

Sportlich unterwegs... Ja, ich habe kaum eine Sportart ausgelassen! Ski, Tennis, Badminton, Tischtennis, Kajakfahren, Squash, Handball, Segeln und noch ein paar andere. Schwerpunkt war aber Fußball und Basketball. Später habe ich unter anderem im Auswahlteam der Hofer-Filmtage mit vielen anderen Filmschaffenden gekickt. Ich habe eine Basketball-Trainer Lizenz und coache 4 Mannschaften im Ligaspielbetrieb, bin Schiedsrichter, Abteilungsleiter und Funktionär im Bayerischen Basketball Verband. Das aktive Spielen habe ich auf Grund der Auswirkungen einer schweren Knieverletzung aufgegeben.

 

MS: Was wünschst Du Dir für Deine Zukunft? 

 

MK: Dass wir gesund bleiben! Alles andere ergibt sich und kann man meist irgendwie beeinflussen.

 

MS: Was würdest Du gerne unseren Lesern mit auf den Weg geben?

 

MK: Hmmm... Seid bzw. bleibt neugierig!

 

MS: Matthias, herzlichen Dank für das spannende Interview! Wir wünschen Dir alles erdenklich Gute.

 

Fotos: ©Wolfgang Ennenbach

 

 

 

 

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